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Genervt schlug sie auf die Hupe. Merkte der Kerl vor ihr denn nicht, dass die Ampel schon längst auf Grün geschalten hatte? Endlich fuhr er los, sie trat das Gaspedal durch und überholte den Wagen kurz hinter der Kreuzung. Jesse war bei einem befreundeten Pärchen zum Mittagessen eingeladen, und sie hasste es unpünktlich zu sein.

Sie stieg aus dem Auto, knallte entnervt die Fahrertür zu und ging über einen Teil des Vorhofes zur Haustür. Noch bevor Jesse die Klingel betätigen konnte, wurde die Tür von innen aufgerissen und Letitia sagte: „Schön dich mal wieder zu sehen, Jesse, zum Glück konntest du es einrichten zu kommen!“

„Hallo, ja in letzter Zeit war mein Terminkalender leider etwas überfüllt.“

Küsschen wurden getauscht und Jesse betrat das Haus, als auch schon ein kleiner Junge auf sie zugelaufen kam. „Tim, ja bist du groß geworden!“, rief Jesse und schloss den Jungen in ihre Arme. „Sag wie alt bist du denn jetzt?“, fragte Jesse, obwohl sie die Antwort natürlich kannte. „Fünf“, erwiderte der Kleine und hielt fünf Fingerchen in die Höhe.

„Ja was, so ein großer Junge! Ich habe dir etwas mitgebracht, aber hoffentlich bist du dafür noch nicht zu alt.“

Tim riss ihr das Spielzeug aus den Händen und begann die Verpackung abzureißen. „Tim, was sagt man?“, fragte Letitia und sah ihren Sohn erwartungsvoll an. „Danke, Tante Jesse“, nuschelte er und umarmte Jesse, dann lief er ins Wohnzimmer. Jesse stand wieder auf und folgte Letitia in die Küche um Eric, Letitias Mann, zu begrüßen.

„Na sieh mal einer an, wer sich da in unser bescheidenes Heim verirrt hat!“, rief Eric und schloss Jesse in die Arme. „Nun ja, als bescheiden würde ich euer Haus vielleicht nicht bezeichnen“, meinte sie grinsend.

Natürlich konnte man die Villa von Letitia und Eric nicht bescheiden nennen, aber eigentlich hatten die beiden auch vorgehabt das Haus mit Kindern zu bevölkern, hatten allerdings nach Tim noch nicht die Zeit gefunden ein zweites Kind in ihr Karriereleben einzuplanen.  

„Eigentlich ist das Essen schon fertig, aber wir müssen noch auf meinen Bruder warten, der mal wieder zu spät kommt“, sagte Eric während er nach dem Telefon griff um seinen Bruder anzurufen. Beim zweiten Klingel wurde der Anruf angenommen. „Eric, es ist gerade fünf nach zwölf“, sagte die Stimme am anderen Ende, „und ich bin in einer Minute da.“

„Ja Brüderchen, das behauptest du immer, und dann wird unser Essen kalt“, erwiderte Eric und legte auf. Im nächsten Moment fuhr ein Fahrzeug auf den Innenhof und hupte. Eric hob die Augenbrauen, schüttelte den Kopf und begann das Essen ins Nebenzimmer zu tragen. „Sag mal Jesse, kennst du Jason eigentlich?“, fragte Letitia sie zweifelnd. Kopfschüttelnd antwortete Jesse: „Nein, in sieben Jahren inklusive eurer Hochzeit habe ich es nicht geschafft Erics Bruder kennen zu lernen.“ Und ehrlich gesagt bin ich ziemlich neugierig auf ihn, schließlich sah er auf all den Fotos ziemlich gut aus, fügte Jesse in Gedanken hinzu. Letitia hatte Jason inzwischen die Tür geöffnet und ihn begrüßt. Er trat auf Jesse zu, reichte ihr die Hand und meinte grinsend: „Sie sind also die Frau, welcher ich meine reizende Schwägerin verdanke!“ Jesse lachte, verdrehte die Augen und erwiderte: „Die bin ich, auch wenn ich daran nur ungern erinnert werde.“ Die Geschichte, die sich dahinter verbarg war ziemlich peinlich, allerdings zu einer gern erzählten Anekdote geworden, welche Jesse wohl ewig verfolgen würde, sollte sie nicht den Staat verlassen.

Als sich alle am Essenstisch befanden, begann Jesse Jason unauffällig zu mustern. Er hatte kurzes dunkles Haar, war glatt rasiert und hatte ein gleichmäßiges Profil. Keine Auffälligkeiten, eine kleine Nase, sah ein wenig aus wie ein Milchbubi, allerdings wirkte er auf widersprüchliche Weise interessant. Im Vergleich mit Eric sah man ihm jedoch den kleinen Bruder an, der er war. Auf all den Bildern hatte er immer Anzug getragen, da sie alle bei Familienfesten aufgenommen worden waren. Nun saß er hier in Jeans und T-Shirt, welches sich über seinen muskulösen Oberkörper spannte. Dass er Gewichte stemmte, sah man seinen Oberarmen an, die auf,  für Jesse angenehme Weise, muskulös waren, ohne dabei zu protzig zu wirken.

„...nicht wahr Jesse? Jesse!“, sagte Eric und riss sie aus ihren Gedanken. Irritiert sah Jesse in die Runde. „Was hast du gesagt?“, fragte Jesse, die vom Gespräch nichts mitbekommen hatte. „Du solltest meinen kleinen Bruder am Mittagstisch vielleicht nicht mit deinen Blicken ausziehen, dann wüsstest du auch wovon ich geredet habe. Es ging um den Abend, an dem ich dich und Letti kennengelernt habe.“

Jesse errötete leicht, und meinte: „Das ist nun innerhalb einer halben Stunde bereits das zweite Mal, dass ich daran erinnert werde. Was selbst für meine Verhältnisse ein Rekord ist!“ Lachend sagte Jason: „Die Sache ist es aber auch wert immer wieder erzählt zu werden, obwohl wir ja alle schon einmal zuviel getrunken haben, also volles Verständnis für dein Verhalten haben.“ Zweifelnd sah Jesse Jason an, der sie anlächelte, was sie verlegen machte und somit beschäftigte Jesse sich lieber erstmal mit dem Essen.

Kurze Zeit später saßen die vier im Garten und tranken Letitias Limonade, während Tim seinen Mittagsschlaf machte. „Sag Letti, wie machst du diese Limonade, ich wollte auch schon immer mal welche selbst machen, aber irgendwie wird meine nie so gut wie deine“, meinte Jesse und warf einen Blick zu Letitia, die nur grinste. Es war hoffnungslos, Jesse versuchte schon seit Jahren Letitias Geheimnis zu lüften, aber hatte nie Erfolg gehabt etwas über deren Limonadenmischung herauszufinden.

„Also was meint ihr“, fragte Jason, „wollen wir nicht schwimmen gehen?“ Der Pool im hinteren Teil des Gartens schimmerte durchaus verlockend zwischen den Büschen, um welche sich ein schmaler Weg schlängelte, hindurch. „Nein, ich glaube ich lege mich auch eine Weile hin“, sagte Letitia, gähnte und ging ins Haus hinein. „Nun“, murmelte Eric, „ich werde mich auch etwas schlafen legen, war eine anstrengende Woche.“ Allerdings verriet das Grinsen, das über sein Gesicht huschte, was er eigentlich zu tun gedachte. „Bedient euch wenn ihr etwas braucht, fühlt euch ganz wie zu Hause.“ Und damit verschwand auch er im Haus. „Wie reizend“, meinte Jason, „erst laden sie uns ein und dann lassen sie uns allein auf der Terrasse zurück.“

„Nun ja, die beiden haben nicht besonders viel Zeit füreinander.“

„Ich weiß, die Staranwälte, die jeden, der genug Geld hat, aus allen möglichen Schlamassel raus hauen, so dass ja kein Promi seine gerechte Strafe bekommt. Was machen Sie beruflich Jesse?“

„Ich bin Anwältin.“

Jetzt war es an Jason rot zu werden.

Jesse erhob sich und meinte: „Nun, wollen wir eine Runde schwimmen, schließlich sollte der Pool auch mal benutzt werden.“ Sie ging den Weg entlang, wobei sie mehrere Büsche umrundete, trat an den Pool, streifte ihr Kleid ab und sprang ins Wasser. Da Jesse am Morgen in ihrem eigenen Pool ein paar Runden geschwommen war, trug sie noch den Bikini. Jason trat an den Beckenrand und verfolgte wie Jesse eine Strecke tauchte. Neben seinen Füßen tauchte sie auf und stützte ihre Arme am Poolrand auf. Wasser perlte an ihren Armen herab und ihr weißer Bikini lag eng an ihrem Körper und ließ durchscheinen was darunter verborgen war. Wie hypnotisiert starrte Jason zu ihr herab. „Was ist nun, kommen Sie mit ins Wasser?“, fragte Jesse erwartungsvoll. Wie er wohl in Badehosen aussieht, fragte sie sich in der Hoffnung es gleich zu erfahren. Jason wandte den Blick ab, trat zu der Liege am Pool, zog T-Shirt und Jeans aus, ging rasch zum Pool und sprang hinein. Er tauchte zum anderen Ende und lehnte sich dort, Jesse anblickend, an den Beckenrand.

„Also Jason, Sie haben mir noch nicht gesagt womit Sie ihr Geld verdienen“, sagte Jesse und schwamm zu ihm rüber. Fragend sah sie ihn an. „Nun, ich bin Bauingenieur, ich bin der Typ, dem Sie einige von den Gebäuden in unserer wundervollen Nachbarstadt zu verdanken haben.“

„Sind Sie etwa für diesen eindruckvollen Klotz aus Beton und Glas verantwortlich, der gerade gebaut wird und das neue Kunstmuseum werden soll?“

„Ja, ich gehöre zumindest zu den Leuten, die sich das ausgedacht haben.“

„Nicht schlecht“, meinte Jesse und kletterte aus dem Pool, in unmittelbarer Nähe von Jason war ihr kribbelig zumute geworden. Ein Gefühl, das sie etwas verunsichert hatte. Außerdem war ihr aufgefallen, dass sie begonnen hatte Jason anzustarren, und bevor ihm das auffiel, wollte sie sich lieber aus der Situation befreien. Sie breitete ein Handtuch auf einer der Liegen aus, streckte sich darauf aus und schloss die Augen. Die Sonne fühlte sich angenehm warm auf ihrer Haut an und sie genoss die leichte Brise, welche für ein wenig Abkühlung in der Hitze sorgte. Jesse hörte wie Jason ebenfalls aus dem Pool stieg. Zu gern hätte sie die Augen geöffnet um seinen Anblick zu genießen. Sie musste sich eingestehen, dass Jason seit langem der erste Mann war, der ihr Herz ein wenig schneller schlagen ließ, und das obwohl sie ihn erst seit einigen Stunden kannte. Jason legte sich auf die Liege neben Jesse und wollte gerade etwas sagen, als Letitia auftauchte. „Na ihr beiden, habt ihr euch gut unterhalten ohne uns?“, fragte sie lächelnd und stellte ein Tablett mit Getränken auf dem Tisch ab. „Sehr gut, allerdings könntest du uns ruhig Cocktails machen“, erwiderte Jason und betrachtete den Krug, der mit Limonade gefüllt war.

„Natürlich könnte ich das, da es aber meiner Meinung nach zu heiß ist für Alkohol und ihr beide nachher noch Auto fahren müsst, dachte ich, es ist besser euch nicht in Versuchung zu führen.“

„Wie recht du hast“, sagte Jesse und setzte sich auf. Sie griff nach einem Glas und sah Letitia an. „Euer Mittagsschlaf hat ja keine halbe Stunde gedauert.“ Diese lachte nur und schüttelte den Kopf. „Ach Jesse, war ja klar, dass so etwas kommt, beim nächsten Mal bleiben Eric und ich einfach länger im Haus, damit es zumindest so wirkt als ob.“

„Nun ja, damit könntet ihr zumindest den Schein wahren.“

Jesse erhob sich lächelnd und zog ihr Kleid über. „Jetzt sag nicht, dass du schon wieder los musst“, meinte Letitia vorwurfsvoll.

„Tut mir leid, aber ich habe in einer Stunde einen Termin mit einem Mandanten, also muss ich jetzt wirklich los.“

„Wie du willst uns schon verlassen, aber es ist doch Sonntag!“, kopfschüttelnd trat Eric zu den anderen, verabschiedete sich von Jesse und sprang in den Pool. „Was ist Letti, kommst du auch mit rein?“

„Gleich Schatz, ich bring nur schnell Jesse zu ihrem Auto.“

„Das ist nicht nötig, ich finde mich schon alleine raus. Also bis demnächst!“, sagte Jesse, verabschiedete sich von Letitia und drehte sich gerade Richtung Jason, als der aufstand und meinte, er würde jetzt auch gehen. Also gingen Jesse und Jason gemeinsam zu ihren Autos. „Nun, es war schön Sie nach all den Jahren endlich einmal kennen zu lernen“, sagte Jesse und reichte Jason die Hand. „Ja, das war es wirklich. Hoffentlich dauert es nicht sieben Jahre bis wir uns wieder sehen.“ Er ergriff ihre Hand und hielt sie einen Moment zu lang. Jesse zog ihre Hand zurück, lächelte Jason an, und stieg in ihren Wagen.

Es war zehn Uhr abends und Jesse lag im Bett. Ihre Gedanken kreisten um Jason. Sie kannte ihn doch gar nicht weiter, warum ging er ihr nur nicht aus dem Kopf? Er sah ziemlich gut aus, aber Aussehen hatte für sie noch nie an erster Stelle gestanden. Irgendetwas an seiner Art sie anzusehen beschäftigte Jesse. Sie war schon lange von keinem Mann mehr so angesehen worden. Als wäre sie wieder in erster Linie Frau und nicht Anwältin. Ihr Selbstbewusstsein und ihre Art ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, selbst zu entscheiden, hatte die meisten Männer früher oder später vertrieben. Jesse überlegte ob es aufdringlich wäre Jason anzurufen. Dann entschied sie, dass es besser ist erst einmal abzuwarten. Vielleicht hatte er ja gar kein Interesse an einem Wiedersehen, aber hatte er nicht gesagt, dass es hoffentlich nicht wieder sieben Jahre dauert bis sie sich wieder sehen? Doch ob er das nur so dahergeredet oder wirklich gemeint hatte? Um Gottes Willen Jesse, du kennst den Kerl doch gar nicht, also hör auf dir den Kopf zu zerbrechen und schlaf endlich, dachte sie wütend über sich selbst. Sie drehte sich auf die andere Seite und schloss die Augen. Jedoch konnte sie nicht aufhören daran zu denken, wie es sich angefühlt hatte Jason ganz nah neben sich im Wasser zu spüren ohne ihn auch nur im Geringsten zu berühren. Dieses Prickeln.

„Frau Perlman, er hat mich betrogen. Mit dem Kindermädchen! Und ich habe Beweise dafür“, sagte Eliza Moore aufgebracht und brach in Tränen aus. Jesse griff nach ihrer Hand.

„Hören Sie, wenn er Sie betrogen hat und wir das beweisen können, hat er keine Chance. Dann bekommen Sie alles. Die Kinder, das Haus, den Wagen und sein Geld. Ihr Mann wird leer ausgehen.“

„Ich bekomme alles“, wiederholte Frau Moore, „alles, außer meinen Mann.“

Jesse seufzte. Nichts war schlimmer als eine Ehe zu scheiden, die aus Liebe geschlossen worden war. Einen der Beteiligten wurde dabei das Herz gebrochen. Leider waren das meistens die Frauen, Jesses Mandantinnen. Manchmal fragte Jesse sich, warum sie Scheidungsanwältin geworden war. Nichts war deprimierender, als jeden Tag aufs Neue zu sehen, dass nichts für die Ewigkeit ist, erstrecht nicht die Liebe.

Eine halbe Stunde später saß Jesse allein beim Mittagessen. Während sie ihren Fisch aß, beobachtete sie die Leute um sich herum. Zwei Tische weiter saß ein junges Paar. Die Frau trug einen Verlobungsring. Wie lange es wohl dauert, bis sie in meiner Kanzlei auftaucht?, fragte Jesse sich. „Vielleicht wird es Zeit, dass du deine negative Denkweise ablegst“, sagte plötzlich eine Stimme neben ihr. Jesse drehte ihren Kopf. „Steve, was machst du denn hier?“, fragte Jesse erstaunt.

„Ach weißt du, das Großstadtleben hat mir nicht so zugesagt, also bin ich wieder zurück in unsere gemütliche Villenlandschaft gezogen.“

Er setzte sich zu ihr an den Tisch und winkte einen Kellner ran. „Wir hätten gerne eine Flasche Cabernet.“ Der Kellner nahm die Bestellung auf und ging.

„Du willst mich doch nicht etwa am helllichten Tag betrunken machen?“, fragte Jesse lächelnd.

„Nein, wie kommst du darauf, ich dachte nur, wir sollten unser Wiedersehen feiern.“

„Da gibt es wohl etwas zu feiern?“

„Komm schon Jesse, die Sache ist über ein Jahr her. Meinst du nicht, wir haben eine zweite Chance verdient?“

„Wir? Du meinst wohl, du hast eine zweite Chance verdient.“

„Gut, du hast ja Recht“, sagte Steve und beugte sich über den Tisch zu Jesse, „ich habe damals Mist gebaut, und es tut mir leid. Du kannst mir glauben, dass ich noch nie etwas so sehr bereut habe, wie dich zu verlieren.“ Er griff nach ihrer Hand und Jesse ließ es geschehen. In dem Moment kam der Wein, und die beiden machten dem Kellner Platz.

 

Das Telefon auf Jesses Nachttisch klingelte. Sie befreite sich aus Steves Armen und nahm ab. „Perlman.“

„Hallo Jesse, ich bin es, Jason. Ich wollte Sie fragen, ob Sie heute Abend schon etwas vorhaben.“

Mit einem Blick auf den schlafenden Steve antwortete Jesse: „Nein, habe ich nicht.“

„Sehr gut, ich würde Sie nämlich gerne zum Essen einladen.“

„Gerne, ich würde mich freuen Sie wieder zu sehen.“

„Okay, dann hole ich Sie um acht Uhr ab.“

„Dann bis später“, sagte Jesse, legte auf und ging unter die Dusche. Als die Wasserstrahlen auf ihre Haut prasselten, fragte Jesse sich, ob das eben wirklich geschehen war. Hatte Jason sie tatsächlich gerade angerufen und sich mit ihr zum Essen verabredet? Ihr Herz begann etwas schneller zu schlagen. Sie stieg aus der Dusche und zog sich ihren Bademantel an. Als sie das Badezimmer verließ, kam ihr Steve entgegen. „Ich wollte gerade zu dir unter die Dusche kommen“, sagte er lächelnd, zog Jesse in seine Arme wollte sie küssen. Doch Jesse wich ein Stück zurück.

„Was ist denn los?“

„Bitte Steve, wir wissen beide, dass das mit uns nicht funktionieren wird. Also zieh dich bitte an und geh.“

„Und was war das eben?“, Steve sah sie wütend und verständnislos an.

„Wir haben uns von alten Gefühlen hinreißen lassen, die längst gestorben sind. Lass uns nicht an etwas festhalten, dass es schon lange nicht mehr gibt.“

Sie ging an ihm vorbei in die Küche, wo sie sich einen Kaffee kochte. Als sie kurz darauf wieder in ihr Schlafzimmer ging, war Steve weg. Jesse sank auf ihr Bett und stützte ihren Kopf in die Hände. Wie zur Hölle hatte das nur passieren können? Es war sonst gar nicht Jesses Art, einfach so mit jemanden im Bett zu landen, schon gar nicht mit einem Ex.

Enttäuscht von sich selbst trat Jesse an ihren Kleiderschrank. Also was sollte sie anziehen? Grübelnd stand sie vor ihren Sachen. Ein bisschen sexy sollte es schon sein, aber nicht zu aufdringlich. Nach einigen Minuten entschied sie sich für ein zartgelbes Kleid. Sie ließ es ihren Körper herab gleiten, der Stoff umschmeichelte ihre Haut. Es endete kurz über den Knien, und betonte ihr weiblichen Rundungen ohne sie in den Vordergrund zu stellen. Zufrieden betrachtete Jesse sich im Spiegel. Dann ging sie ins Bad um ihr Haar zu trocknen.

Pünktlich acht Uhr klingelte es an der Haustür. Jesse griff nach ihrer Handtasche, schlüpfte in ihre Stilettos und warf einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel. Als sie die Tür öffnete und Jason vor ihr stand, fühlte sie sich mit einem Mal befangen. Schon lange hatte sie kein Date mehr gehabt. Sie fühlte sich wieder wie sechzehn, zumindest genauso nervös. „Sie sehen toll aus“, sagte Jason. Sein Blick glitt von ihrem kastanienbraunem Haar, das sich um ihre Schultern wellte, an ihr herab. Es verschlug ihm schier die Sprache, ihr Anblick war einfach atemberaubend. „Danke“, erwiderte Jesse und errötete leicht. Sie schloss die Tür hinter sich, und ging zu Jasons Auto, wo er ihr die Tür aufhielt. Wie süß, dachte Jesse und setzte sich auf den Beifahrersitz. Jason lief um das Auto, stieg ein und startete den Motor. „Wo fahren wir hin?“, fragte Jesse neugierig. Verwundert hatte sie festgestellt, dass Jason ziemlich lässig angezogen war. „Das wird eine Überraschung, ich wette, dass Sie dort noch nie gewesen sind“, sagte Jason und warf ihr einen Seitenblick zu. Wow, sie sieht einfach unglaublich aus, schoss es ihm durch den Kopf. „Vielleicht sollten Sie auf die Straße achten“, meinte Jesse und deutete nach vorn. Erschrocken wandte Jason seinen Blick von ihr ab und brachte den Wagen wieder in die richtige Spur. „Zum Glück fährt hier kaum einer lang um diese Zeit“, fügte Jesse lächelnd hinzu. Jason wurde mal wieder rot, aber da es dunkel war, merkte Jesse nichts davon.

Eine halbe Stunde später hielten sie am Hafen. Wenig beeindruckt stieg Jesse aus dem Auto. „Ich dachte wir wollten essen gehen“, fragte sie sich skeptisch umsehend. „Machen wir auch, warten Sie es ab, es wird Ihnen gefallen“, antwortete Jason und führte Jesse am Hafen entlang. Plötzlich bog er in eine Straße eine, die Jesse vollkommen übersehen hatte. „Wir sind gleich da, nur noch ein kleines Stück“, sagte Jason und führte Jesse auf einmal zu einer recht unscheinbaren Tür. Na toll, wer weiß wo wir hier gelandet sind, dachte Jesse, alles andere als glücklich. Jason öffnete die Tür und ließ Jesse den Vortritt. Was sich dahinter verbarg, überraschte Jesse. Ein kleines gemütlich eingerichtetes Hafenlokal, dass Welten von den Restaurants entfernt war, in denen Jesse zu essen pflegte. Auf den Tischen waren rot-weiß-karierte Deckchen und lange weiße Kerzen. Die beiden setzten sich an einen Tisch im hinteren Teil, einen der Wenigen, die noch frei waren. Es waren recht viele Leute da, trotzdem war es ziemlich still, weil sich alle recht leise unterhielten.

 

„Gefällt es Ihnen?“, fragte Jason und lächelte Jesse über den Tisch hinweg an. „Es ist wundervoll. Die Atmosphäre und diese Stille.“

„Freut mich, dass Sie es mögen.“

 Die Bedienung kam, zündete die Kerze an, reichte den beiden die Speisekarten und Jason bestellte Pinot Chardonnay. Jesse war überrascht, Weißwein war ihr bis jetzt noch nie vorgesetzt worden. Irgendwie hatten sich immer alle Männer auf Rotwein festgelegt. Vielleicht weil sie der Meinung waren, die rote Färbung sei romantisch. Ohnehin war Jesse es müde bei jeder Verabredung Cabernet zu trinken. Durch die vielen Essen mit Mandanten war er ihr über. Das war nun die zweite Überraschung seinerseits an diesem Tag, wenn man den Anruf nicht mitzählte. Jesse war gespannt, was als Nächstes folgen würde.

„Also, Sie und Letti sind zusammen zur Uni gegangen?“, begann Jason.

„Ja, Gott war das damals eine tolle Zeit. Eine Party jagte die Nächste und wir waren immer mittendrin.“

Sie begannen über die Zeit an der Uni zu reden. Wobei einige peinliche Wahrheiten ans Licht kamen.

Als sie das Lokal verließen und zurück zum Auto gingen, fragte Jason: „Meinen Sie nicht, dass es Zeit wird die Förmlichkeiten abzulegen? Ich meine, wenn man bedenkt was ich soeben alles erfahren habe!“ Lachend antwortete Jesse: „Als ob du viel anständiger gewesen wärst. Nach allem was ich eben erfahren habe, wirst du von deinem Bruder eindeutig unterschätzt!“

„Tja, für ihn bin ich eben nur der kleine Bruder, das Muttersöhnchen, von meiner Schul- und Studienzeit weiß er herzlich wenig.“

Die beiden liefen am Hafen entlang und lauschten dem Rauschen des Meeres. Der Salzgeruch des Wassers lag aufgrund des landeinwärts wehenden Windes stark in der Luft.

Eine halbe Stunde später hielt Jason vor Jesses Haus. Als sie vor der Haustür ankamen, drehte Jesse sich zu Jason, der ihr ein Stück näher stand, als er eigentlich sollte. „Der Abend war wunderschön“, flüsterte sie. „Ja, das war er.“ Jason rückte noch ein wenig näher. Ihre Oberkörper berührten sich. Er beugte sich ein wenig zu ihr herab, den Mund leicht geöffnet. Alles in Jesse begann zu kribbeln, ihr Herz setzte einen Moment lang aus. Dann wich sie ein Stück zurück. „Ich sollte jetzt wirklich reingehen. Mein Tag beginnt morgen um sechs und da sollte ich nicht übermüdet sein“, sagte sie und tastete in ihrer Tasche nach dem Schlüssel. „Du solltest reingehen“, meinte Jason leise, „aber willst du schon reingehen?“ Sanft berührte er ihren Arm. Seine Fingerspitzen die ihre Haut streiften. Jesse war kurz davor den Verstand zu verlieren. Ihr war als wären jegliche physikalischen Gesetze aufgehoben und sie würde schweben. „Ja“, antwortete sie widerwillig, „ich will reingehen. Gute Nacht.“ Jesse öffnete die Tür, schlüpfte schnell hinein und verschloss sie hinter sich. Oh mein Gott, dieser Typ macht mich wahnsinnig, dachte Jesse. Sie wusste nicht warum, aber Jason übte eine unglaubliche Anziehungskraft auf sie aus. Erschöpft lehnte sie sich an die Haustür, sie fühlte sich als wäre sie gerade fünfzig Bahnen geschwommen, dabei hatte sie nur Jason stehen lassen. Aber ihm zu widerstehen hatte Jesse viel Kraft gekostet.

Ein wenig verdutzt darüber, die Tür vor der Nase zugeschlagen bekommen zu haben, wandte Jason sich um und ging zu seinem Auto. Diese Frau weiß was sie will, dachte er, was ihm gefiel. In sich hinein lächelnd, freute Jason sich schon auf das nächste Mal, das er Jesse sehen würde.

 

Ziemlich gerädert, kroch Jesse sechs Uhr morgens aus dem Bett. War vielleicht doch etwas viel Wein gestern, dachte Jesse. Eigentlich hatte sie kaum geschlafen, denn nachdem sie Jason vor der Tür hatte stehen lassen, hatte sie sich stundenlang im Bett rumgewälzt und sich immer wieder gefragt, ob er sich wieder melden würde. Wie hatte sie auch so dumm sein können? Allerdings mochte sie Jason und wollte nichts überstürzen, um am Ende die ganze Sache zu bereuen. Gähnend griff Jesse nach dem Telefon. „Johnson“, meldet sich eine Stimme am anderen Ende. „Guten Morgen, Mel“, sagte Jesse, „könntest du alle Termine von heute absagen? Ich bin nicht in der Lage zu arbeiten.“

„Hervorragend, ich freue mich schon drauf.“

„Tut mir leid, dass ich dir diese unerfreuliche Aufgabe zumute, aber ich kann heute nicht klar denken.“

„Ist okay, mach ich doch gern. Nicht zuletzt, weil du mich dafür bezahlst!“

„Danke, also dann bis morgen.“

Jesse legte auf, warf das Telefon auf ihr Bett und zog sich ihren Trainingsanzug an. Ein bisschen joggen würde sie bestimmt wieder auf Vordermann bringen.

 

Jason trat unter der Dusche hervor, wickelte sich ein Handtuch um und warf einen Blick auf die Uhr. Halb sieben. Ob Jesse schon wach ist? Er hatte die Nacht kaum ein Auge zu getan. Die ganze Zeit hatte er den Abend Revue passieren lassen. Jede einzelne Sekunde ein weiteres Mal genossen. Hastig trocknete er sich ab, zog sich an und griff nach dem Telefon. Auf keinen Fall konnte er heute für eine Woche zu einer Tagung fliegen. Das konnten die anderen auch ohne ihn in die Bahnen leiten, er würde dann eben eine Woche später nachkommen. Doch vorher musste er Jesse noch so oft wie möglich sehen. Sie hatte ihm schon bei ihrer ersten Begegnung total den Kopf verdreht.

Eilig lief er durch die Lobby. Jason musste Jesse so schnell wie möglich sehen. Zwar wusste er, dass sie ab spätestens acht Uhr in der Kanzlei sein würde, aber dann würde er eben dorthin fahren um mit ihr Mittagessen zu gehen.

 

Es klingelte an der Tür. Wer kann das denn jetzt sein? Jesse stellte ihr Glas ab, lief zu Tür und öffnete sie. „Jason!“, überrascht starrte Jesse ihr Gegenüber an. Lächelnd reichte Jason ihr ein Rose und sagte: „Eigentlich wollte ich dich im Büro überraschen um mit dir zu Mittag zu essen, aber deine Sekretärin hat mir gesagt, du seiest zu Hause.“

„Die Überraschung ist dir gelungen. Danke. Komm doch rein.“

Sie trat zur Seite, schloss die Tür hinter Jason. Schweigen. „Ja dann werde ich mal eine Vase besorgen“, meinte Jesse. Als sie im Bad Wasser einfüllte, nutzte sie die Gelegenheit um ihre Haare zu ordnen. Mein Gott, wie ich aussehe! Schoss es ihr durch den Kopf, als sie an sich herunterblickte. Ausgeblichene Jeans, ein viel zu kurzes verwaschenes T-Shirt. Als sie in die Küche kam, sagte sie: „Also, wenn wir essen gehen wollen, gehe ich mir nur schnell etwas anderes anziehen.“

„Das ist eigentlich nicht nötig. Ich dachte, wir könnten an den Strand fahren, und dafür bist du genau richtig angezogen.“

Mittagessen? Am Strand? Jesse war mal wieder verwundert.


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